Aufgabe der ErzieherInnen und LehrerInnen (hier: Pädagogen)

Unsere Arbeit sehen wir als vergleichbar mit der von Gärtnern: Wie die Gärtner zum richtigen Zeitpunkt den Boden bereiten, in dem die Saat aufgehen und wachsen soll, wie sie dafür sorgen, dass die Pflanzen genügend Nährstoffe und Wasser bekommen, und wie sie diese vor möglichen Gefahren zu schützen suchen - so sehen wir unsere Aufgaben als BegleiterInnen der Kinder. Wie die Gärtner nicht bestimmen können, wann die Pflanze Wurzeln, Stiel, Blätter und Blüten entwickelt, noch welche Früchte sie hervorbringen wird - so können und wollen auch wir nicht ziehen: durch Erwartungen und Forderungen die Kinder in "unsere" Richtung lenken und "(er)"ziehen. Vielmehr sehen wir unsere Aufgabe darin, durch intensive Beobachtung - wenn irgend möglich - die Bedürfnisse der Kinder und ihren Lernhunger zu erkennen und durch eine gezielt (wo immer möglich individuell) vorbereitete Umgebung die Möglichkeit zur Befriedigung der verschiedenen Wachstums- und Lernbedürfnisse zu schaffen. Bedürfnisse bedeutet in unserem Sinne, dass die Kinder wachsen wollen, dass sie Neues erfahren wollen über die Welt, in der sie leben, dass sie neue Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben wollen, um sich ihre Welt im wahrsten Sinne des Wortes erobern zu können. Vorbereitung der Umgebung heißt: wir überlegen uns, welches Kind welches Lernbedürfnis hat und wie wir ihm helfen können, dieses selbsttätig zu befriedigen ... indem wir Pädagogen einer bestimmten Tätigkeit nachgehen, ein spezifisches Spiel- und Lernmaterial bereitstellen, eine Aktivität für eine Gruppe von Kindern vorbereiten oder den Raum in besonderer Weise gestalten (entspricht “offener Planung”).

Wir sehen unsere Aufgabe außerdem darin, die instinktive Neugier und den Wissenshunger der Kinder zu bewahren und zu stärken. Nicht die bzw. eine feste Wahrheit ("das Wissen") wollen wir lehren oder fertige Meinungen und Erfahrungen weitergeben, sondern die Kinder mögen "gierig" bleiben, selbst zu suchen und zu fragen und offen bleiben für die unterschiedlichsten Antworten - und dies in allen Bereichen: kognitiv, emotional, sozial und nicht zuletzt motorisch.

Ein Beispiel: Wie lernt ein Kind laufen? Durch Belehrung oder in einem Kurs ("Nimm erst dieses Bein und stell es dann so hin"), durch behütendes Verhindern von gefährlichen Selbstversuchen ("Pass auf, lass es lieber") oder indem ich ihm Bein um Bein genau dorthin stelle, damit es sicher ankommt?

Oder lernt das Kind laufen, wenn ich ihm Möglichkeiten gebe, es seinem Entwicklungsstand entsprechend gefahrlos zu probieren? Versuch und Irrtum führen zu eigenen Erfahrungen und nur die lassen die Kinder jedes Mal neu ein Stück wachsen. Beobachten wir Kinder in diesem so genannten Laufalter: die eine früher, der andere später, der eine zuerst lange und intensiv krabbelnd, die andere ohne überhaupt zu krabbeln, der eine fällt immer wieder hin und probiert trotzdem jedes Mal neu, die andere pausiert nach misslungenen Versuchen ... doch alle lernen sicher laufen! Auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten kommen sie alle ans Ziel.
Eltern und andere Begleiter haben aber die Aufgabe zu beobachten (Wann beginnt der Wunsch „weiter vorwärts zu kommen“?) und die Umgebung zu bereiten (rutschfeste Schuhe, „Wohnung sichern“).
"Hilf mir, es selbst zu tun" (sagt das Kind nach M. Montessori) ...
Diese Bitte leitet uns. Wir versuchen, nicht zu bestimmen und zu lenken (anzuleiten), sondern wir bereiten die Umgebung des Kindes (vor), halten uns bereit zu helfen und ziehen uns im geeigneten Moment zurück, damit sich die Eigenaktivität der Kinder entfalten kann.
Das Freispiel und die freie Arbeit bieten uns die Chance zu beobachten und zu erkennen, wie sich das individuelle Kind in seiner Beschäftigung und in seinem Zusammensein mit anderen Kindern verhält, wo es in seiner Entwicklung steht und was es für ein Weiterschreiten jetzt gerade braucht. Entsprechend wollen wir den Kindern jeweils "Nahrung" geben oder Gesprächspartner sein. Jedes Kind soll auf seine Weise Kind sein dürfen und sich seinem Wesen entsprechend entwickeln und lernen können.
Wir wollen die Kinder dort und dann behüten, wenn es zu einem echten Erlebnis der Konzentration kommt. Das heißt, wir nehmen auch ihre Beschäftigung und ihren Rhythmus ernst und akzeptieren diesen - soweit wie immer möglich.